Memotransfront - Stätten grenzüberschreitender Erinnerung
   
    Druckversion (PDF)    
 

Annette Maas

Poilu-Libérateur-Denkmäler

Esplanade, Metz

Baugeschichte

Nach dem Sturz des Wilhelm I.-Nationaldenkmals Mitte November 1918 beschloß Souvenir Français im Dezember 1918, den französischen Frontsoldaten ein Dankeszeichen der Stadt Metz zu errichten. Anfang Januar 1919 führte der Pariser Bildhauer Henri Bouchard, der damals Lieutnant in Metz war, eine überlebensgroße Poilu-Figur aus Gips auf dem Sockel des gestürzten Kaiser Wilhelm I.-Denkmals aus. Der selbstbewußte französische Frontsoldat richtete seinen Blick über die Höhen von Gravelotte nach Verdun und stellte in einer selbstverständlich wirkenden Geste seinen rechten Fuß auf eine am Boden liegende Pickelhaube, Symbol der verhaßten deutschen Herrschaft. Da dieses gipserne Provisorium durch Witterungsschäden und mutwillige Zerstörung unansehnlich geworden war, wurde es im März 1920 entfernt.

Im Frühjahr 1922 wurde der Sockel des Kaiser Wilhelm I.-Denkmals geschleift, um dem endgültigen Poilu-Denkmal Platz zu machen. Zur Ausführung kam kein Entwurf von Bouchard, sondern das beeindruckende Denkmalsensemble des aus Metz stammenden und national anerkannten Künstlers Emmanuel Hannaux. Er hatte eine für die Stadt Metz angemessene Denkmalskonzeption geschaffen: Zu Füßen des siegreichen, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlenden Poilu symbolisierte eine Lothringerin die dankbare Stadt Metz, die aus ihren deutschen Ketten befreit worden war. Aufrecht, die Arme gen Himmel gestreckt, triumphierte sie über den mit gekrümmten Schwingen am Boden verendenden deutschen Adler. Das am 5. Juni 1922 eingeweihte Denkmal wurde 1940 von den Deutschen zerstört. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs bemühte sich der Souvenir Français um die Wiedererrichtung des Poilu-Denkmals an diesem so symbolträchtigen Ort. Zunächst wurde eine Erinnerungsstele errichtet. Erst im März 1956 wurde die dritte Ausführung des Poilu-Denkmals eingeweiht. Es handelt sich hierbei wiederum um einen Entwurf von Bouchard, der sich jedoch in seiner monolithischen Ausführung deutlich von der Version aus dem Jahre 1919 unterscheidet.

Regionalgeschichtlicher Kontext

Bewußt wurde der symbolträchtige Ort auf der Esplanade nun, nach dem Sturz des Kaiser Wilhelm I.-Denkmals, in französischem Sinne neu belegt, um die Schmach der Niederlage von 1870/1871 auszulöschen. Der Blick der neuen Denkmäler, wiederum auf die Höhen von Gravelotte gerichtet, wies nun über 1870/1871 hinaus, weiter bis zur Maas und nach Verdun, bis zu den Orten des als nationale Erlösung gedeuteten französischen Sieges. Dort hatten die französischen Soldaten mit ihrem Heldenopfer die Befreiung der Stadt Metz und die Rückkehr Elsaß-Lothringens ermöglicht.

Das gipserne Provisorium von Bouchard kam nicht zur endgültigen Ausführung in Bronze. Kritik formierte sich in Metz: Die besondere Situation der Stadt Metz würde zu wenig gewürdigt, zudem sei das Denkmal im Gegensatz zum künstlerisch sehr anspruchsvollen, nahegelegenen Maréchal Ney-Denkmal plump und unästhetisch. Nach massiven politischen Auseinandersetzungen beauftragt der Metzer Gemeinderat den einheimischen Künstler Emmanuel Hannaux, der bereits unter deutscher Herrschaft 1908 das eindringliche französische Regionaldenkmal in Noisseville geschaffen hatte, mit der Ausarbeitung des Denkmals. Hannaux schuf eine triumphale Befreiungssymbolik, die für den zeitgenössischen Betrachter nationale, regionale und lokale Identifikationsangebote in beeindruckender Weise und widerspruchslos verband. Mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung standen im Laufe der großen Einweihungsfeierlichkeiten in Gegenwart von Poincaré, Joffre und Foch, die teuer erkaufte Befreiung, die Anerkennung, Dankbarkeit und daraus abgeleitet national-moralische Verpflichtung der Lothringer Frankreich gegenüber im Mittelpunkt. Nun sollte der Poilu die Stadt vor einem weiteren Angriff der Deutschen schützen. 1940 zerstörten die deutschen Besatzer das Denkmal. Erst 1956 nahm wieder ein französischer Poilu den Platz auf der Esplande ein, eine monolithische Ausführung von Bouchard, die nun – einem massiven, symbolischen Schlußpunkt unter die Zeiten deutscher Bedrohung gleich – die endgültige Zugehörigkeit der Stadt Metz zu Frankreich verdeutlicht.

Quellen und weiterführende Literatur

Jouffroy, Christian/Bleirard, Christian, Les statues de Metz, Metz 1991.

Maas, Annette, Zeitenwende in Elsaß-Lothringen. Denkmalstürze und Umdeutung der nationalen Erinnerungslandschaft in Metz (November 1918–1922), in: Speitkamp, Winfried (Hg.), Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik, Göttingen 1997, S. 79–108.

Maas, Annette, Denkmäler des Krieges 1870/71 in Elsaß und Lothringen 1871–1940 (Dissertationsprojekt).

 

>> zurück zum Seitenanfang

   
   
   
Memotransfront - Stätten grenzüberschreitender Erinnerung Rainer Hudemann unter Mitarbeit von Marcus Hahn, Gerhild Krebs und Johannes Großmann (Hg.): Stätten grenzüberschreitender Erinnerung – Spuren der Vernetzung des Saar-Lor-Lux-Raumes im 19. und 20. Jahrhundert. Lieux de la mémoire transfrontalière – Traces et réseaux dans l’espace Sarre-Lor-Lux aux 19e et 20e siècles, Saarbrücken 2002, 3., technisch überarbeitete Auflage 2009. Publiziert als CD-ROM sowie im Internet unter www.memotransfront.uni-saarland.de.